Weleda zur Anthroposophischen Medizin

Ein Interview mit den Mitgliedern der Weleda Geschäftsleitung, Nataliya Yarmolenko und Aldo Ammendola.

Anthroposophische Arzneimittel wirken auf Körper, Seele und Geist. Was Gesundheit für Weleda bedeutet und warum wir auf die Kraft der Natur setzen.

Was ist Gesundheit für Weleda?

Nataliya Yarmolenko: Gesundheit ist für uns ein Prozess – sie entsteht in jedem Augenblick neu. So ist auch unser Unternehmenszweck formuliert: Wir tragen dazu bei, dass sich Gesundheit und Schönheit von Mensch und Natur entfalten können. Natürlich bringt jeder Mensch bestimmte Voraussetzungen mit, genetisch und durch Prägungen in der Kindheit, zugleich aber kann er sich entscheiden, so zu leben, dass er immer gesünder wird.

Aldo Ammendola: Gesundheit bedeutet für uns nicht, allein Krankheitssymptome zu beseitigen, sondern dem ganzen Menschen zu helfen. Das gilt für uns sowie für alle anderen Naturheilverfahren.

NY: Wir sehen Gesundheit ganzheitlich: Unser Organismus hat die Fähigkeit zur Selbstregulation, um gesund zu werden und zu bleiben. Auf dieser menschlichen Kraft bauen unsere Produkte auf.

Gesundheit bedeutet für uns nicht, allein Krankheitssymptome zu beseitigen, sondern dem ganzen Menschen zu helfen.
Aldo Ammendola

Weleda stellt seit 100 Jahren neben Naturkosmetik auch anthroposophische Arzneimittel her. Was ist Anthroposophische Medizin?

AA: Sie hat einen ganzheitlichen Blick und schaut nicht nur auf den Körper, sondern auch auf Geist und Seele, die Biografie eines Menschen, seine aktuellen Lebensumstände. Das alles zusammen zu betrachten, ist das Besondere der Anthroposophischen Medizin und ihrer Arzneimittel.

NY: Diese Ganzheitlichkeit erkennen wir nicht nur im Menschen selbst, sondern auch in der Natur. Wir sind ein Teil von ihr, haben eine gemeinsame Evolution durchlaufen. Abläufe im menschlichen Organismus und in der Natur sind daher verwandt. Unsere Arzneimittel gewinnen wir aus der Natur, sie können, je nach ihrer Beschaffenheit, auf verschiedene Funktionen im Organismus fördernd einwirken.

Die Anthroposophische Medizin versteht sich als Komplementärmedizin im Unterschied zur Alternativmedizin. Was heißt das?

AA: Alternativmedizin sieht sich als «Alternative» und schließt damit Schulmedizin aus. Anthroposophische Medizin hingegen integriert Schulmedizin und komplementärmedizinische, naturheilkundliche Ansätze und reguliert so die Selbstheilungskräfte: Aus dem Gleichgewicht geratene Systeme des menschlichen Organismus werden wieder in Balance gebracht. Deshalb sprechen wir auch von integrativer Regulationsmedizin.

Es gibt keinen anthroposophischen Arzt ohne schulmedizinisches Studium?

AA: Genau so ist es. Das gilt nicht nur für die niedergelassenen Ärzte, sondern auch für anthroposophische Kliniken wie die Filderklinik bei Stuttgart oder das Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe in Berlin. Dort finden Sie die komplette Bandbreite an schulmedizinischen Behandlungen plus anthroposophische Therapeutika zur inneren und äusseren Anwendung.

NY: Zugleich ist die Anthroposophische Medizin nicht einfach nur ein Zusatz. Es geht um eine insgesamt komplexere Sichtweise, die es ermöglicht, den Patienten als Menschen mit einer Erkrankung zu sehen, zu verstehen, warum er sie bekommen hat, und so immer auch die Ursache einer Erkrankung zu behandeln und nicht nur ein Organ oder bestimmte Beschwerden.

Letztlich wird der Konflikt zwischen Kritikern und Befürwortern der anthroposophischen Medizin immer darin bestehen, dass sich die Existenz von «Seele» und «Geist» nicht beweisen lässt. Wenn Sie sagen, anthroposophische Arzneimittel wirken auf Körper, Seele und Geist, entsteht Unsicherheit. Wie gehen Sie damit um?

NY: Das ist genau der Punkt: Kann man den Menschen auf eine physisch messbare, sichtbare Ebene reduzieren oder nicht? Tatsächlich gibt es inzwischen viele Beispiele dafür, dass sich eine Wirkung sogar ganz ohne Substanz nachweisen lässt. Meditation etwa: Sie wirkt, aber warum? Wir bei Weleda gehen davon aus, dass wir auch in der Wissenschaft unterschiedliche Dimensionen mit einbeziehen müssen.

Wir sind ein Teil der Natur, haben eine gemeinsame Evolution durchlaufen. Abläufe im menschlichen Organismus und in der Natur sind daher verwandt.
Nataliya Yarmolenko

Kritiker sagen auch, dass in homöopathischen und anthroposophischen Arzneimitteln kein Wirkstoff mehr enthalten sei. Was sagen Sie dazu?

AA: Wir verwenden in der Regel Arzneimittel mit Wirkstoffen aus der Natur in niedrigen Potenzierungsstufen von D2 bis D12. Damit bewegen wir uns im Bereich der stofflichen Pflanzenheilkunde. Erst ab einer D23 spricht man davon, dass ein Wirkstoff auf molekularer Ebene nicht mehr nachweisbar ist. Ursprünglich wurde zudem der Erfahrung von Arzt und Patient mit diesen Arzneien eine größere Bedeutung beigemessen. Auch wir haben diese Erfahrungen, 2021 blicken wir zurück auf 100 Jahre anthroposophische Arzneimittel von Weleda. Und wir haben ganz viel praktische Erfahrung aus Kliniken und von niedergelassenen Ärzten. Die therapeutischen Erfahrungen mit allen anthroposophischen Arzneimitteln, nicht nur unseren, sind im «Vademecum» dokumentiert. Zusätzlich gibt es viele wissenschaftliche Studien und Belege zu unseren Arzneimitteln. Sie zeigen unter anderem, dass deutlich weniger Antibiotika benötigt werden, wenn zusätzlich komplementärmedizinische, darunter anthroposophische Arzneimittel gegeben werden. Noch aber gibt es nicht genug gute Studien, deshalb bin ich bei Weleda. Ich komme aus der klassischen Naturwissenschaft. Und meine Aufgabe ist es, die positive Wirkung unserer Arzneimittel in größerem Umfang wissenschaftlich nachzuweisen.

Was genau ist Ihr Hintergrund?

AA: Ich bin Mikro- und Molekularbiologe und habe in der synthetischen Pharmaindustrie sowie in der Onkologie gearbeitet. Über pflanzliche Arzneimittel habe ich den Weg zur Vielfalt der anthroposophischen Arzneimittel gefunden.

Was hat Sie überzeugt?

AA: Die Kraft der Natur. Von ihr haben wir alles abgeschaut, ist das nicht erstaunlich? Sechzig bis siebzig Prozent aller klassischen Arzneimittel stammen aus der Natur oder sind davon abgeleitet: Salicylsäure in Schmerzmitteln zum Beispiel ist ein isolierter Wirkstoff aus der Weidenrinde. Wäre es da nicht naheliegend, gleich die Natur zu nehmen?

Und wie wollen Sie bei Weleda die Wirkkraft Ihrer Arzneimittel noch besser belegen?

AA: Mit substanziellen Investitionen in Forschung und Entwicklung. Wir investieren in den kommenden fünf Jahren einen zweistelligen Millionenbetrag, um die Wirkweise etablierter Arzneimittel zu untersuchen bzw. die Entwicklung neuer Präparate anzustoßen.

NY: Zudem wollen wir neue Methoden entwickeln, um die Selbstregulation und die Wirkung auf feinstofflichere Körper, also Seele und Geist, nachweisen zu können. Dafür gibt es bereits Arbeitsgruppen.

Frau Yarmolenko, Sie sind in der Weleda Geschäftsleitung für den Bereich Markt verantwortlich. Wie verträgt sich der ganzheitliche Blick auf den Menschen mit wirtschaftlicher Realität?

NY: Ich bin Ärztin und 2002 zu Weleda gekommen. Als Ärztin hatte ich sehr gute Erfahrungen mit anthroposophischen Arzneimitteln gemacht und habe mir gedacht: «Wenn ich wirklich etwas bewirken möchte, dann muss ich helfen, dass diese Art der Medizin noch mehr Menschen zugänglich wird.» Wir bei Weleda folgen dem Grundsatz «purpose over profit»: Unsere Werte stehen über dem Profit. Aber natürlich müssen wir als Wirtschaftsunternehmen auch selbst gesund sein. Beides zu vereinen, ist nicht einfach. Die Privatisierung des Pflegesektors in Deutschland hat aber gezeigt, wie schwierig es wird, wenn wir Gesundheit hauptsächlich auf wirtschaftliche Ziele ausrichten. Wir versuchen, einen anderen Weg zu gehen, und fragen zuerst: Was hilft Mensch und Natur?

Welche Rolle spielt es für Weleda, woher die Rohstoffe für Arzneimittel kommen und auf welche Art sie gewonnen werden?

NY: Das ist für uns zentral. Den Weg, den die Substanz in der Natur genommen hat, sozusagen ihre Biografie, sehen wir als einen Teil der Qualität unserer Produkte. Die Rohstoffe sollen aus der Natur kommen. Denken wir an unser Erkältungsmittel Infludoron. Hierfür benötigen wir unter anderem Eisen aus nachhaltig gewonnenem Eisenerz. Ökologie und Nachhaltigkeit sind uns wesentliche Anliegen. Ein Großteil der pflanzlichen Substanzen, die wir verarbeiten, stammt aus unserem Heilpflanzengarten in Wetzgau bei Schwäbisch Gmünd. Dort wachsen etwa Bilsenkraut, Eselsdistel und Schlüsselblume, die wir für unser Kreislaufmittel Cardiodoron benötigen. Das macht es zu einem regionalen Produkt, und das ist gut für den Menschen und für die Natur.

AA: Ökologie und Nachhaltigkeit hatten für die Pharmaindustrie bisher nur eine untergeordnete Bedeutung. Doch das ändert sich jetzt gerade, nicht nur national. Die EU hat vor Kurzem eine neue Pharmastrategie herausgegeben, in der nun auch ökologische Aspekte integriert sind. Das haben wir natürlich mit großer Freude gesehen, weil uns das schon seit 100 Jahren wichtig ist, etwa auch in unseren Anbauprojekten. Deshalb sind wir 2011 der Union for Ethical Biotrade beigetreten. 2018 wurden wir von ihr als eines der ersten Unternehmen weltweit für unsere lückenlos ethische Rohstoffbeschaffung zertifiziert.

Über Wirkung und unerwünschte Wirkungen informieren Sie Gebrauchsinformation, Arzt oder Apotheker. Weitere Informationen zum Arzneimittel finden Sie direkt auf der Produktdetailseite.

Nataliya Yarmolenko ist Ärztin und als Mitglied der Geschäftsleitung zuständig für den Geschäftsbereich Markt. Aldo Ammendola ist Mikro- und Molekularbiologe und in der Geschäftsleitung verantwortlich für Forschung und Entwicklung.