Wie das Temperament die Entwicklung prägt


Weleda Group·7/1/2026
Es beschreibt, wie dein Kind auf die Welt reagiert, wie es Reize verarbeitet und mit anderen in Beziehung tritt.

Die meisten Eltern, die mehrere Kinder haben, stellen irgendwann fest: Auch wenn Kinder in der gleichen Familie aufwachsen und dieselben Eltern haben, sind sie ziemlich verschieden. Vielleicht reagieren sie unterschiedlich auf Reize, brauchen nicht die gleiche Menge oder Art von Nähe oder Trost. Schon in Babygruppen ist die Variation unterschiedlichster Verhaltensweisen gut zu beobachten – und verunsichert manchmal die teilnehmenden Eltern: Warum krabbeln andere Babys immer neugierig los, aber meines sitzt beobachtend bei mir? Warum braucht mein Baby so viel länger, um sich zu beruhigen?

Tatsächlich bringen Menschen schon viel Individualität mit ins Leben. Das Temperament beschreibt die individuelle Art, auf die Welt zu reagieren, Reize zu verarbeiten und mit anderen in Beziehung zu treten.

Was ist Temperament überhaupt genau?

Temperament ist die biologisch angelegte Grundlage der Persönlichkeit. Sie zeigt sich schon früh und beeinflusst, wie ein Kind auf die Welt reagiert. Die Idee, dass Menschen sich in ihrem Wesen unterscheiden, ist dabei nicht neu: Sie reicht bis in die Antike zurück.

Hippokrates und Galen teilten Menschen in vier Typen ein: den Sanguiniker, den Choleriker, den Melancholiker und den Phlegmatiker – basierend auf der Vorstellung, dass bestimmte Körpersaft das Verhalten bestimmen. Diese Bezeichnungen haben sich bis heute im Sprachgebrauch und auch in der Waldorfpädagogik gehalten. Als wissenschaftliches Modell hat die Vier-Säfte-Lehre jedoch einer differenzierteren Forschung Platz gemacht.

Die moderne Temperamentsforschung beruht auf empirischer Psychologie, Entwicklungspsychologie und Neurowissenschaften. Sie geht davon aus, dass Temperament zwar biologisch fundiert ist, aber kein feststehendes Etikett – sondern eine dynamische Basis, die durch Umwelteinflüsse und Erfahrungen weiter geprägt wird.

Welche Temperamentsmerkmale gibt es?

Die Entwicklungspsychologen Stella Chess, Alexander Thomas und Herbert Birch identifizierten in ihrer Langzeitstudie neun Temperamentsmerkmale, aus denen sie drei grundlegende Muster ableiteten.

Die neun Merkmale umfassen: Aktivitätsniveau, Rhythmizität, Ablenkbarkeit, Annäherung/Rückzug, Anpassungsfähigkeit, Aufmerksamkeitsspanne/Ausdauer, Reaktionsintensität, Reizschwelle und Stimmungsqualität.

Daraus leiteten sie drei Muster ab:

  • easy-to-handle (leicht)
  • hard-to-handle (schwierig)
  • slow-to-warm-up (langsam auftauend)

Was Eltern wissen sollten: Die Kategorien leicht oder schwierig sind keine Bewertung des Kindes. Sie beschreiben, dass manche Kinder aufgrund ihrer Ausprägungen größere Herausforderungen in der Interaktion mit der Umwelt erleben und deshalb mehr Unterstützung brauchen.

Ist das Temperament angeboren oder geprägt durch Erfahrungen?

Genetische Veranlagung und frühe Beziehungserfahrungen wirken immer zusammen. Keines ist allein entscheidend – aber beides prägt das Kind von Anfang an.

Die Neurowissenschaftlerin Nicole Strüber beschreibt in ihrem Buch Die erste Bindung, wie genetische Veranlagungen und Beziehungserfahrungen zusammenspielen. Aggressives Verhalten von Kindern, das oft als Erziehungsfehler der Eltern angesehen wird, hat neben psychischen und sozialen Einflüssen auch eine genetische Dimension: Kinder mit einer bestimmten Genvariante – etwa 20 Prozent der Menschen – zeigen laut Strüber häufiger aggressives Verhalten und haben ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung problematischer Beziehungsmuster. (Quelle: Strüber, Nicole (2016): Die erste Bindung. Wie Eltern die Entwicklung des kindlichen Gehirns prägen. 6. Aufl. Stuttgart: Klett-Cotta.)

Ein Kind, das die Welt besonders intensiv wahrnimmt oder sehr impulsiv reagiert, braucht zunächst Erwachsene, die verstehen, was hinter seinem Verhalten steckt. Durch feinsinnige Begleitung kann es lernen, mit den eigenen Empfindungen umzugehen, Ressourcen zu erkennen und sich als respektierter Teil der Gemeinschaft zu erleben.

„Ein Kind, das die Welt besonders intensiv wahrnimmt oder sehr impulsiv reagiert, braucht zunächst Erwachsene, die verstehen, was hinter seinem Verhalten steckt.”

Was brauchen Kinder mit ausgeprägtem Temperament von ihren Eltern?

Kinder mit einer niedrigen Reizschwelle oder starken Reaktionsintensität können Gefühle noch nicht selbst regulieren – sie sind auf feinsinnige Co-Regulation durch Erwachsene angewiesen.

Geräusche, Veränderungen, Enttäuschungen oder Konflikte können solche Kinder schneller aus dem Gleichgewicht bringen. Bezugspersonen müssen offen sein, das Temperament des Kindes wahrzunehmen – und es nicht als Machtspiel missverstehen. Das erfordert mehr Selbstregulationsstrategien im Alltag und mehr Geduld bei der Co-Regulation, etwa bei Kindern mit niedriger Reizschwelle oder wenig Rhythmizität im Schlaf- und Essrhythmus.

Aus vielen unterstützenden Erfahrungen entstehen nach und nach Fähigkeiten zur Selbstregulation: Das Kind lernt zunehmend, mit Frustration umzugehen, Impulse zu steuern und sich zu beruhigen. Für Eltern ist es dabei besonders wichtig, dass auch sie Pausen bekommen – Wertschätzung, Bewusstheit und eine gerechte Aufteilung von Sorgearbeit in der Partnerschaft sind hierbei entscheidend.

Müssen alle Kinder gleich begleitet werden?

Nein. Temperamentssensible Begleitung heißt, jedes Kind so wahrzunehmen, wie es ist und die Unterstützung anbieten, die wirklich zu ihm passt.

Nicht jedes Kind wird laut seine Bedürfnisse äußern, nicht jedes wird mutig auf Neues zugehen, und nicht jedes wird Herausforderungen auf dieselbe Weise bewältigen. Was einem Kind hilft, kann für ein anderes wenig hilfreich sein oder es sogar zusätzlich belasten. Das gilt in der Familie genauso wie in Kita oder Schule. Kinder müssen nicht alle gleich sein. Sie brauchen Erwachsene, die ihre individuelle Art wahrnehmen, wertschätzen und die passende Unterstützung geben.

Häufige Fragen zum Thema Temperamente bei Kindern (FAQ)

Was genau ist das Temperament eines Kindes?  Das Temperament beschreibt die individuelle Art, wie ein Kind auf die Welt reagiert, Reize verarbeitet und mit anderen in Beziehung tritt. Es ist biologisch fundiert, aber kein festes Etikett – es wird durch Erfahrungen und Umwelteinflüsse weiter geformt.

Kann sich das Temperament eines Kindes verändern?  Das Temperament bleibt als Grundlage bestehen, entwickelt sich aber durch Erfahrungen weiter. Besonders feinsinnige Begleitung durch Bezugspersonen kann dazu beitragen, dass Kinder lernen, mit ihren Ausprägungen gut umzugehen.

Was bedeutet Co-Regulation – und warum ist sie so wichtig?  Kleine Kinder können starke Gefühle noch nicht selbst regulieren. Co-Regulation bedeutet, dass Erwachsene dem Kind aktiv helfen, sich zu beruhigen und zu orientieren – zum Beispiel durch ruhige Stimme, Körpernähe oder klare Struktur. Das ist keine Verwöhnung, sondern Entwicklungsförderung.

Mein Kind ist besonders schwierig – habe ich etwas falsch gemacht?  Nein – und diese Frage zeigt schon, wie sehr du dir Gedanken machst. Die Kategorie hard-to-handle beschreibt keine schlechte Erziehung, sondern dass manche Kinder von Natur aus intensiver auf die Welt reagieren. Das ist keine Schuldfrage, sondern eine Veranlagung. Was dein Kind braucht, ist nicht weniger Liebe – sondern manchmal einfach mehr davon.

Wie erkenne ich das Temperament meines Kindes?  Beobachte, wie dein Kind auf neue Situationen reagiert, wie schnell es sich beruhigt, wie lebhaft es ist und wie es auf Veränderungen im Alltag reagiert. Die neun Temperamentsmerkmale der Forschung (z. B. Reizschwelle, Rhythmizität, Reaktionsintensität) können dabei ein hilfreicher Rahmen sein.